
Wahnsinn und Genie
Suche die Toleranz jenseits der Vernunft.
Montag und Dienstag waren eine Herausforderung. Der Vulkanier hat wieder mal ganz tief in seine Trickkiste gegriffen und mir klar die Grenzen meiner mentalen Kräfte vor Augen geführt.
- Montag, Anreise zum Kunden. Wir fahren (habt Dank Ihr Götter) die 200 km getrennt mit zwei Autos. Absprache ist, dass wir uns kurz vor 10:00h vor Ort treffen. Ich habe verpennt, bin spät dran, muss noch Tanken, gerate bereits vor der Autobahn in einen Stau. Die ersten Kilometer auf der Autobahn. Anruf auf das Mobiltelefon. Der Vulkanier ist nur noch 50 km vor dem Ziel. 45 Minuten früher als verabredet. Er will wissen, ob er wirklich bis zum vereinbarten Zeitpunkt warten muss. „OK, warte nicht auf mich, fang schon mal an“. Macht ja nichts, wenn die Mitarbeiter unseres Kunden denken, ich als Verantwortlicher komme immer etwas später…
- Schade, der Kunde hat es innerhalb mehrerer Wochen nicht geschafft, zwei Arbeitsplätze zu organisieren. Der Vulkanier stürzt sich – ich wäre sonst auch überrascht gewesen – auf Tastatur und Maus. Diese Werkzeuge sind ab jetzt tabu für mich, da er sich wieder alle Pickel im Gesicht aufgekratzt hat und seine Finger davon blutig sind (uaarr). Desinfektionsmittel habe ich im Büro vergessen…
- Kaffeepause. Wir ziehen von der Kaffeeküche zum Arbeitsplatz. Jeder ist mit einer vollen Tasse bewaffnet. Wir sitzen gerade, als der Vulkanier feststellt, dass mit seinem Kaffee etwas nicht stimmt. Evtl. zuviel Zucker. Er meint, dass er den so nicht trinken kann und schickt mich, neuen Kaffee holen. „HALLO??? Beweg’ Deinen Hintern selbst, wenn Dir Dein Kaffee nicht schmeckt.“ Irritierte Blicke rings umher. Ich ermahne mich selbst eindringlich, Haltung zu bewahren. Der Vulkanier quängelt rum, dass schließlich er es ist, der arbeitet. Touché. Die Indizien sprechen für ihn, ich erkläre mich bereit ihm einen frischen Kaffee zu holen. Hauptsache, diese Peinlichkeit nimmt endlich ein Ende. Er will es mir aber nicht zu leicht machen: „Zuerst 2 Löffel Zucker, da drüber den Kaffee, dann 1 Löffel Kakao, zum Schluss bitte Milchschaum oben drauf!“ Nochmals „HALLOOO??? – Schreib mir einen Einkaufszettel.“ Trotzdem gehe ich. Schließlich bin ich Profi und will vor den Kunden keine erzieherischen Maßnahmen einleiten.
- Momente der Konzentration, wir tüfteln an technischen Details. Leider ist das Genie des Vulkaniers dabei derart unterfordert, dass ihm nebenbei ein Film einfällt, in dem irgendwelche Leute in einem Raumschiff in Bedrängnis geraten. ‘Oh nein – nicht hier, nicht jetzt’ denke ich, aber er ist nicht aufzuhalten und erzählt recht exakt, wie sich die Sache zugetragen hat. So als wäre er dabei gewesen. So, als hätten wir hier nichts besseres zu tun. Wieder diese Blicke hinter den Monitoren… heimlich wünsche ich mir jetzt auch ein Raumschiff herbei.
- Es ist Abend, ich habe ein chinesisches Buffett mit dem Vulkanier hinter mir. Es ist recht gut gelaufen, wir sind kaum aufgefallen. Na ja – zwar durften wir (die anderen Gäste und ich) uns Raumschiffabenteuer anhören. Aber ich habe einfach ein Bier mehr getrunken und mir immer wieder gesagt, dass ich von denen ja kaum jemanden innerhalb dieses Raum-Zeit-Gefüges so schnell wieder treffe.
- Endlich allein im Hotelzimmer. Es ist 22:30h. Spannende Szenen mit Sean Connery im Fernsehen. Das Telefon klingelt. „Hallo?“ Er ist es. „Hallo, ich lese hier ein sehr interessantes Buch…“ Auf dem Bildschirm springen jede Menge bewaffnete Gestalten auf ein Hausdach. „Hi, ich habe den Fernseher an und seh’ mir einen Action-Film an . Es ist gerade sehr spannend!“ Meine versteckte Botschaft kommt nicht an „… und da verstehe ich nicht alles. Es wird der Dezember 1936 erwähnt und…“ verdammt – ich verpasse den Anschluss “ … und ich habe im Geschichtsunterricht nicht richtig aufgepasst…“ Schüsse fallen. „Ja und?“. Eine Frau springt in einen Lüftungsschacht. „Mir ist nicht klar, warum das hier erwähnt wird, was ist denn da passiert?“ Meine Stimme peitscht wie die Schüsse im Fernseher: „Es ist gerade sehr spannend!!!“. Er hat’s kapiert. Ich vertröste ihn auf nachher in der Bar und versuche anschließend die Ereignisse der letzten Szene zu rekonstruieren. Es muss eine eine Schlüsselszene gewesen sein, denn ich kann ab jetzt nicht mehr richtig folgen.
- 23:30h. Ein leckeres Bierchen vertröstet mich. Die Mädchen hinter der Theke sind recht nett. Der Vulkanier taucht auf, begleitet vom Duden und einem dieser Bücher von der Clicque des Vulkaniers (nennen sich selbst ‘Szeientolohgen’). Und dann startet dieser Mensch doch tatsächlich um kurz vor Mitternacht einen dieser jämmerlichen Versuche, mir diese schwächlichen Theorien von seinem Guru näher zu bringen.
Ich weiß nicht, wer oder was mir diese Geduld verliehen hat, aber der Vulkanier sollte dieser Instanz zutiefst dankbar sein. Sie hat ihm das Leben gerettet.
- Dienstag Morgen, in der Nacht zuvor hatten wir uns an der Bar darauf verständigt, gegen 7:45h zum Frühstück zu erscheinen. Gegen 7:45h. Ich habe bewusst keinen exakten Zeitpunkt genannt, wir sind nicht fest verabredet. 7:50h. Startklar komme ich aus dem Bad. Das Telefon klingelt. Es ist das Mädchen an der Rezeption. Ihre stockende Stimme verrät mir, dass sie eindeutig mit der Situation überfordert ist: „Im Frühstücksraum sitzt ein Gast und wartet auf sie. Er lässt nachfragen, ob sie verschlafen haben…“ Jetzt sind alle Zweifel ausgeräumt: Der Typ ist ja wohl nicht ganz dicht!!!
Im Frühstücksraum kläre ich ihn darüber auf, dass er gefälligst seinen eigenen Arsch (die Vokabel ‘Hintern’ hebe ich mir für Gespräche im Beisein von Kunden auf) bewegen soll, wenn er was von mir will. Anschließend versuche ich mich bei einem Kaffee auf den Tag vorzubereiten und lasse dabei die üblichen Raumschiffgeschichten über mich ergehen. Was die anderen Hotelgäste denken, werde ich wohl nie erfahren. Dieser Kerl ist wirklich beratungsresistent.
Ich will diesen Blog nicht ausarten lassen, und verschweige die weiteren Peinlichkeiten des heutigen Tages beim Kunden (z.B. Raumschiffgeschichten zu Tisch). Nur soviel: Ich habe mit Mühe und Not den halben Tag durchgehalten, mir eine gute Begründung überlegt und bin dann eiligst abgereist.